Ein Volk unter der Lupe: Zigarin

Das Haus Zigarin ist das Dreyvenhaus, das die mächtigsten Magis unter sich hat und das die größten Standesunterschiede innerhalb ihres Volks hat. Das Haus der Zigarin beschloss seinen Weg zur reinen Magie bereits kurz nachdem die Dreyven das Wirken erlernten. Ihre herrschenden Kasten sind bedeutende Magis, die alles Unmagische und allzu Weltliche für banal und unter ihrer Würde erachten. Doch sind sie nur wenige, weshalb die größte Macht der Zigarin aus dem Handel stammt.

In der #MagunQuest bei Twitter ist eine adelige Frau aus dem Volk der Zigarin eure Auftraggeberin, und ein Zigarinmann ist der Hauptmann der eingekauften Söldner, also von euch den Spielern. Einige wenige Besonderheiten des Volkes wurden schon grob beleuchtet. Hier möchte ich euch ein paar mehr Einblicke geben. Folgende Texte sind Auszüge aus dem Regelwerk.

(…)Hunderte von Jahren hatten ihr Bestes getan, diese Tür zu versiegeln und viele von Eneks Begleitern wünschten sich insgeheim, dass die junge Zigarin diesen Ort niemals ausfindig gemacht hätte. Doch die Furcht vor Enek‘ war noch größer als die Angst vor dem Umbekannten hinter dieser Tür. Eneks Atem zitterte vor Aufregung unter der feinen Göttermaske, als die Türen unter tiefem Protestgestöhn des Steines nachgaben, und hätte sie noch ihre Augen gehabt, wäre eine Träne der Freude unter dem weißen Porzellan der Maske über ihre Haut gelaufen, doch so blieben ihre Wangen trocken. Ungeduldig glitt sie voran. Ihre Begleiter folgten widerwillig und in respektvollen Abstand. Im Vorbeigehen las Enek vereinzelte Worte der rituellen Schriften in Wänden und Decke. Hier und da konnte sie sich nicht zurückhalten und strich mit ihren zarten bleichen Fingern über den schwarzen glatten Stein. Dann hielt sie abrupt inne. Ihr Herz schien vor Freude für einen Moment auszusetzen und die Aufregung ließ sie erröten. Sie spürte, wie ihr Körper leicht ins Schwitzen geriet. Mit offenem Mund bestaunte sie die Schmiedekammer, die sie vor allen anderen erreicht hatte. Ihre Begleiter sahen die Zigarin regungslos dastehen. Unter dem traditionellen Talim und der Maske war nichts zu sehen von der Begeisterung, die Enek bis in die letzte Faser ihres Seins erfüllte. „Es ist noch im Konstrukt gefangen“, sprach Enek mit leicht zitternder Stimme. Erst jetzt bemerkten ihre Begleiter die Aufregung, die ihre Herrin erfüllte. Enek sammelte sich für einen Moment, dann glitt sie auf das Konstrukt der Altforderen zu und sprach mit gefasster, herrschaftlicher Stimme: „Kir‘sathin chabak, ifil‘tar din Deyon, kul‘dat din Zal‘asha habach hi‘os Jardath!“ Kaum hatte das letzte Wort ihre Lippen verlassen, zuckte das Konstrukt zusammen und erwachte aus seinem Schlummer.
Der verformte Leib des Konstrukts, der aus den Leibern vieler geschaffen worden war, um die zerstörerischen Waffen der alten Herrscher zu gebähren, kämpfte gegen die Ketten an, die ihn hielten. Vergeblich schob es sich mit seinen vielen Beinen nach hinten, in einem kläglichen, verzweifelten Versuch, der Zigarin zu entfliehen. Wie ein geschlagenes Jungtier versuchte das bemitleidenswerte, haushohe Geschöpf, sich dem neuen Horror, der auf es wartete, zu entziehen, doch vergebens. Die Augen des Konstrukts füllten sich mit Trauer, Verzweiflung und Erkenntnis, als es in seinen Ketten zusammensackte. Es ergab sich seiner neuen Herrin und dem Schmerz, den es erneut – nach all den Jahrhunderten der trügerischen Ruhe – spüren würde. Enek blickte hoheitsvoll auf ihren neuen Diener herab, blind für den Schmerz des Konstrukts, der ihre Begleiter in Mitleid und Ekel innehalten ließ. Ein seltenes Lächeln hob ihre Mundwinkel unter der Maske und ihre Fingerspitzen zuckten voller Begeisterung. Enek war noch nie so glücklich gewesen.

Zigarin leben in einer streng hierarchischen Gesellschaft, die in sechs Kasten aufgeteilt ist. Die Zugehörigkeit zu einer Kaste bestimmt nicht nur, welche Stellung in der Gesellschaft man einnimmt, sondern auch, welchen Beruf man ausübt und mit welchen anderen Zigarin man Umgang pflegen darf. Freier Umgang ist nur innerhalb der oberen drei Kasten, sowie innerhalb der vierten und fünften Kaste möglich. Die erste, oberste Kaste ist unflexibel und wird rein durch das Erbrecht bestimmt. Geschlechtzugehörigkeiten und sonstige Äußerlichkeiten sind vollkommen unbedeutend und werden nur an den vier gefeierten Badetagen im Jahr überhaupt wahrgenommen.

Die Kaste der Körperlosen beheimatet den höchsten Adel der Zigaringesellschaft. Hier finden sich die begabtesten Zigarin, die die Magie in Perfektion beherrschen. Mitglieder dieser Kaste stellen die Herrscher und Herrscherinnen einer großen Gemeinde. Nur Zigarin dieser Kaste können in die höchsten Ämter aufsteigen. Diese Kaste stellt weniger als 1% der Zigarinbevölkerung. Die Kaste der Magis besteht ebenfalls ausschließlich aus Zigarin, die in der Lage sind, zu wirken. Sie beherrschen Magie auf hohem Niveau und nehmen Staatsämter ein. 1% bis 10% der Bevölkerung sind in dieser Kaste. Kinder niedrigerer Kasten, die magisch begabt geboren werden, werden automatisch in diese Kaste erhoben und jeder Kontakt zu ihrer Familie untersagt. Nicht magisch begabte Kinder, die in diesen Kasten geboren werden, werden in die niederen Kasten versetzt und enterbt, sowie von der Familie verstoßen.
Die Mitglieder dieser oberen beiden Kasten sind oft sogenannte „Spitari“, – was „Herrin oder Herr über Geister“ bedeutet. Die Glerigalisgilde nennt sie allerdings „Geisterschinder“. Solche Zigarin nutzen permanent Geister, die sie bewegen und schweben lassen, wodurch fast keine körperliche Bewegungen mehr notwendig sind. Selbst für das Wirken von Magie ist somit keine eigene Gestik nötig, diese wird ebenfalls vom Geist übernommen. Außerdem nutzen sie die Geister für ihre Wahrnehmung und sehen nur noch den Lebensstrom, wodurch ihre weltlichen Augen oftmals überflüssig werden und verbunden oder gar ausgestochen werden. Eine weitere besondere Art der Machtdarstellung der oberen beiden Kasten wurde vor mehr als 1500 Jahren von Zal‘ra‘shar von Um‘brin‘aldor geprägt. Der Meister der Geister kam in einem cholerischen Anfall auf die Idee, seine Macht im Wirken dadurch darzustellen, dass er sich die Augen ausstechen und alle Gliedmaßen abtrennen ließ. Nur durch die Macht seines Geistes und seiner Macht im Wirken bewegte er seinen Leib und kontrollierte seine Umgebung. Die Mächtigsten und Angesehensten ahmten ihrem Vorbild in abgeschwächter Form nach. Oft sieht man deshalb die Körperlosen ohne Füße, Unterschenkel oder gar ohne Oberschenkel oder Arme.

Ab der dritten Kaste, der Kaste der Gelehrten, findet man keine magisch begabten Zigarin mehr. Diese Kaste kümmert sich um Bildung und Forschung aller Dinge, die weltlich sind. Heiler, Architekten, Tierforscher, Seelenärzte, aber auch Händler sind in dieser Kaste. Diese Kaste umfasst 10-20% der Zigarinbevölkerung. Die Kaste der Künstler nimmt einen besonderen Status ein. Auch hier findet man keine Magiebegabten, doch wird das Formen von Schönem ohne große körperliche Anstrengung sehr geschätzt. Die darstellenden Künste der Zigarin haben sich an die Begabungen und Vorlieben der obersten beiden Kasten angepasst. Farben sind für die Spitari der hohen Kasten fast unbedeutend, da der Lebenswille keine Farben wiedergibt. Statt dessen konzentrieren sie sich auf die Fähigkeiten der Wirkenden, den Lebensstrom wahrzunehmen und haben Wege gefunden, mit Materialien zu arbeiten, die den Lebensstrom aufflammen lassen oder so verwirbeln, dass sich neue Formen bilden. Schriften aus Blut oder sogenannter Seelentinte sind sehr beliebt innerhalb der höheren Kasten. Für Personen mit normalen, gesunden Augen sind die Kunstwerke schlicht und meist recht farblos, nur für die Spitari glimmen und Wirbeln die Kunstwerke durch die besondere Art der Materialien durch den Lebensstrom. Auch Musiker, Maler, Schauspieler und auch Prostituierte findet man in dieser Kaste. Etwa 5% der Zigarinbevölkerung sind dieser Kaste zugehörig. In der Kaste der Handwerker kann körperliche Anstrengung nicht mehr vermieden werden. Diese Zigarin arbeiten im Schweiße ihres Angesichts und haben eine fachkundige Ausbildung hinter sich. Schreiner, Zimmerleute, Schmiede und ähnliche Professionen findet man hier. Meist mehr als 50% der Zigarinbevölkerung finden sich in dieser Kaste.

Die niedrigste Kaste ist die Kaste der Weltlichen. Hier findet man niemanden mit Kenntnissen über Magie, und niemanden der ein Handwerk erlernt hat. Diese Kaste wurde gegründet, als das Haus der Zigarin unter die Erde ging um das Volk der Daradoff zu vernichten und die Sklaven knapp wurden. Eine Adlige der Zigarin erließ ein Gesetz in ihrem Herrschaftsbereich, das alle Zigarin, die nicht wirken konnten und keine gute Ausbildung genossen hatten, verlorene Sklaven ersetzen und niedrigste Arbeiten verrichten müssen. Diese Vorgehensweise verbreitete sich schnell und hat sich durchgesetzt, selbst lange nach dem die Zigarin wieder an die Oberfläche kamen, und ihre prächtigen Städten auf den eingestürzten Minen der Daradoffs – das geheime, stille, vielgliedrige Volk des Machadon – erbauten. Dadurch, dass es dieser Kaste verboten wird, eine Ausbildung oder Lehre zu genießen, erhält man sich diese Kaste. Diese Zigarin gelten als rein „weltlich“ und so als unwürdig. Weltliche haben kein Stimmrecht und ihr Wort gilt nur halb so viel wie das eines Handwerkers, nur ein Viertel so viel wie das eines Gelehrten oder Künstlers, und nur ein Achtel so viel wie das eines Magis. Gegen das Wort eines Körperlosen hingegen ist das Wort eines Weltlichen nichts. Allerdings ist ein Zigarin der weltlichen Kaste immer noch bedeutend mehr wert als ein Sklave aus einem anderen Volk. Etwa 15% der Zigarin werden dieser Kaste zugeordnet.

Je höher der Stand eines Zigarin ist, desto komplizierter und unpraktischer wird die Bekleidung. Es ist ein Zeichen von Macht, so wenig körperliche Arbeit wie möglich verrichten zu müssen. Dies geht sogar so weit, dass sich Zigarin von Adel möglichst nicht mehr anders als durch Magie bewegen, um jegliche körperliche Anstrengung zu vermeiden. Deshalb tragen Zigarinadelige meist eines von zwei zigarintypischen Kleidungsstücken. Beide machen körperliche Arbeit und schon Bewegung fast gänzlich unmöglich, als Zeichen der Vornehmheit des Trägers. Das eine nennt sich „Talim“ und besteht aus mehreren Stoffbändern, die kunstvoll um den gesamten Körper gewickelt werden, ähnlich einer Mumie. An den Windungen und Wicklungen kann man als Kenner sogar die Familienzugehörigkeit einer Person erkennen, so sorgfältig und elaboriert sind sie. Es kann Stunden dauern, einen Talim an- oder abzulegen. Das andere Gewand, der sogenannte „Ovres“ ist ein hautenger Anzug aus Leder oder vergleichbarem Material. Er wird geknöpft und ist ebenfalls auf sehr komplizierte, kunstvolle Weise zusammengenäht. Auch dieses Kleidungsstück ist sehr aufwändig an- und abzulegen, jedoch etwas schneller und praktikabler als ein Talim, weshalb der Ovres oftmals auf Reisen getragen wird. Ein beliebtes Schmuckstück in den oberen Kasten ist die „Göttermaske“ aus Porzellan, wie sie einst die Reichen der alten Dreyven vor dem Krieg trugen. Die Maske ist meist eine stark stilisierte Gesichtsform, teilweise komplett gesichtslos und nur ornamental verziert.

Um darzustellen, wie fern die adligen Zigarin dem Weltlichen sind, tragen Zigarin der ersten Kaste ihre komplizierten Kleidungsstücke meist mehrere Monate am Stück. Die Kleidung wird in dieser Zeit nicht gewechselt oder gewaschen. Es ist ein Zeichen von Schwäche, zu schwitzen oder dreckig zu werden. Diese Einstellung hat Ausmaße erreicht, die dazu führten, dass die Zigarin sich durch diesen Ritus beweisen möchten und ihre Kleidung nur an einem der vier Badetage des Jahres ablegen und waschen. In jeder Gemeinde gibt es vier „Badetage“. An diesem Tag versammeln sich alle Zigarin einer Gemeinde, die 21 Jahre und älter sind, im großen Badehaus. Unter großen Feierlichkeiten entkleiden sich alle Zigarin der ersten fünf Kasten und waschen sich, halten ein Festmahl und feiern dann meist eine Orgie. Das alles passiert im warmen Wasser, das von den Weltlichen und Sklaven mit Duftölen und Blüten versetzt und bei Bedarf gewechselt wird. Die Weltlichen dürfen am Folgetag ihren eigenen Badetag feiern. Diese Tage sind auch die einzigen, an denen die oberen fünf Kasten frei von Zwängen untereinander kommunizieren und miteinander feiern dürfen. Als Zigarin feiert man deshalb auch meist nicht den Tag seiner Geburt, sondern den Badetag, an dem man gezeugt wurde. Selbst Ehepaare der Zigarin haben meist nur an diesen Tagen Sex, da der Geschlechtsverkehr als schwere, wenngleich schöne, schweißtreibende, körperliche Arbeit gilt. Allerdings gibt es hoch angesehene Begleiter und Prostituierte, die es perfektioniert haben, auch die höheren Kastenmitglieder im Rausch von Lust und Begierde zu verwöhnen, ohne dass diese sich verausgaben müssen.

Im Langen Krieg kämpften die Zigarin am heftigsten gegen die nun ausgerotteten Daradoff  und später gegen die Ganl‘en. Sie standen bis zum bitteren Ende des Krieges an der Seite ihrer Brüder und Schwestern des De‘ynhauses. Die Zigarin haben nie an dem von ihnen eingeschlagenen Weg gezweifelt. Erst als Magun die magischen Maschinen in einer Welle aus Zorn und Verachtung zerschmetterte, begannen die Zigarin auf die Maschinen zu verzichten und die Geister wieder auf traditionelle Weise zu tunneln*. Nach dem Krieg zogen sich die wenigen noch lebenden Zigarin in die Ruinen der einstigen Geburtshöhlen zurück. Lange Zeit waren ihre Gemeinden vergessen und erst nach 300 Jahren wurden wieder erwähnenswerte Gespräche zwischen Zigarin und anderen Völkern geführt. Nur die De‘yn waren immer im Kontakt zu den Zigarin.

*"Tunneln" ist ein Begriff für "Zaubern" oder "Magie wirken"

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