Geschichten MAGUNs – Kapitel 1 – Dankbarkeit

Vorwort:
Ich möchte kleine Geschichten erzählen, wie sie in der Welt von MAGUN passieren. Diese hier ist abgeleitet von einem Abenteuer, das ich mit meiner Testgruppe gespielt habe. Die Spieler*innen fingen als Kinder an. Die ersten Abende waren reine Erzählabenteuer, ohne Werte und Würfeln. Es waren sehr schöne Szenen voller kindlicher Erlebnisse, die die Gruppe zusammengeschweißt haben.

Ich will mit diesen kleinen Geschichten ein wenig den Alltag, aber auch das Leben mit Dämonen in der Welt von MAGUN vermitteln.


Es war sehr still. Nur noch wenige Vögel sangen. Der Wind streichelte über das Land und ließ Wellen von Licht und Schatten über die Kornfelder wandern. Die Sonne färbte sich bereits rot und ließ kleine Lichtblitze über das Wasser tanzen. Die Frauen und Männer machten sich auf den Weg nach Hause. Sie wischten sich den Schweiß von der Stirn und erzählten sich von den guten Speisen, die daheim auf sie warteten und reichten sich Wasserschläuche.

Alle nahmen ihren Hut oder Tuch vom Haupt, verbeugten sich und grüßten den braunen Fuchs, der am Wegesrand saß und die vorbeiziehenden Menschen musterte. Ein Lächeln überkam die Menschen als der Fuchs zwischen die Frauen und Männer rannte, auf die Kinder zu, die den ganzen Tag mithalfen die Felder zu bestellen. Er schmiegte sich an geschundene Beine und ließ sich von verschmutzen Händen hinter den Ohren kraulen. Lachende und fröhliche Kinder umkreisten den kleinen Glücksbringer. Die Erwachsenen hielten inne, stützen sich auf ihre Harken und Spaten, setzen kurz die schweren Körbe ab und blickten auf das kleine Schauspiel. Es füllte ihr Herz mit Freude und Ruhe. Der Fuchs schüttelte sich und die Kinder ließen ab von ihm. Alle machten einen Schritt zurück, um dem Segensbringer Platz zu geben. Der Fuchs ging auf einen Knaben zu, sprang an ihm hoch und leckte dem Kind über die Stirn, noch bevor dieser begriff, was geschah. Der Junge erstarrte vor Schreck. Die anderen Kinder hielten sich ihre offenen Münder. Die Erwachsenen beugten sich vor und ihre Augen wurden größer. Der Fuchs wandte sich ab und lief davon, doch niemand, weder Kinder noch die Älteren blickten ihm nach. Alle starrten auf den Jungen. Dieser zögerte kurz und ließ dann seine Hand über die noch feuchte Stelle an der Stirn tasten. Als hätte er einen Befehl gegeben, so einstimmig jubelten und jauchzten die Kinder auf. Er zuckte zusammen und blickte sich verwirrt um. Die Erwachsenen klopften sich auf die Schulter, nickten sich zufrieden zu. Die Mutter des Jungen ließ ihren Stab und Korb fallen, lief auf ihren Jungen zu und umarmte ihn übermütig. Dem Jungen kamen die Tränen, und ein nicht aufzuhaltendes Lächeln zog seine Mundwinkel in die Höhe.

„Bin ich… bin ich ein gutes Kind?“, fragte er mit zittriger Stimme seine Mutter. Diese wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht. Sie selbst strahlte vor Freude. Auch ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ja“, sprudelte es förmlich aus ihrem Mund. „Ja, du bist ein gutes Kind. Rifoll liebt dich und will, dass du unser Versprechen zu ihm bringst. Du bist ein gutes Kind!“ Er atmete schneller und versuchte sich gerade hinzustellen. Eines der älteren Mädchen kam zu ihm, legte die Hand auf seinen Kopf und kniete sich zu ihm runter. „Ich freue mich. Ich werde auch bei dir sein. Hab keine Angst.“ Ihre Stimme war ruhig. Der Junge lächelte sie an. „Ich habe etwas Angst.“ Die Worte stolperten ihm förmlich über die Zunge. „Keine Sorge“, erwiderte das Mädchen. „Du bist nicht allein.“ Sie lächelte erneut und küsste ihren Daumen, legte ihn an ihre eigene Stirn. Genau dort, wo das Segenszeichen zu sehen war, das sie selbst vor einigen Jahren erhalten hatte. Sie küsste ihren Daumen erneut und berührte die Stirn des Jungen. Er wandte sich zu seiner Mutter und blickte sie fragend an. Diese nickte und streichelte über das erschienene Zeichen auf seiner Stirn. „MACHT PLATZ FÜR RIFOLLS NEUEN SOHN!“ Wieder zuckte der Junge zusammen, als das Mädchen zu den Erwachsenen rief. Diese jubelten und klatschten in die Hände, machten den Weg frei. Einige stimmten ein Lied an und nach nur wenigen Takten sangen alle Anwesenden das Loblied ihres Beschützers. Das Mädchen gab dem Jungen die Hand und zog ihn mit sich. Der Junge blickte zu ihr auf. „Ich habe immer noch Angst. Ihr seid so anders seit dem Zeichen.“ Sie blickte zu ihm runter. „Fürchte Dich nicht. Rifoll lässt uns sehen, und wenn man erst einmal gesehen hat, ist man einfach anders. Aber wir sind für dich da. So wie Rifoll für uns da ist. Wir sind seine Kinder, und er beschützt uns, so wie unsere Eltern uns beschützen.“

Am Dorfeingang sammelten sich schon die Bewohner. Sie hörten das Jubeln und der Priester Rifolls spürte die Anwesenheit eines neuen Auserwählten. Mit offenen Armen stand er am Tor. Die Begleiter des Jungen küssten ihre Daumen und berührten die Stirn der Fuchsstatue am Eingang des Dorfes.
„Heute Nacht…“ Der Priester ging auf den Jungen zu, „…haben wir nicht drei sondern vier auserwählte Kinder, die unseren Dank zu Rifoll bringen. Wir sind gesegnet und unser Dank ist groß!“ Er umarmte den Jungen, und nickte dem Mädchen dankend zu. „Danke, dass du dich um ihn kümmerst. Hol deine Geschwister. Sie sollen ihren neuen Bruder begrüßen.“ Er blickte dem kleinen Jungen in die Augen. „Danke. Danke, dass du uns segnest. Dein Eltern können sich glücklich schätzen.“ Der Junge lächelte und kämpfte gegen die Tränen. Die Emotionen übermannten ihn, Unsicherheit, Verwirrung. Er hatte erlebt wie andere Kinder vor ihm auserwählt wurden, doch sind es schwammige Erinnerungen eines noch viel zu jungen Kindes.
„Ich… ich…“ Er kämpfte um jedes Wort. Der Priester blickte ihn ruhig und verständnisvoll an. „Ich… ich bin dankbar.“ Der Priester nickte wissend. „Aber…“ Der Junge traute sich kaum weiter zu sprechen, „… ich habe immer noch Angst.“ Der Priester lächelte versöhnlich, klopfte dem Jungen auf die Schulter und drückte ihn dann fest an sich. „Keine Sorge“, sagte er lachend. „Ich hatte damals auch furchtbare Angst. Es ist etwas besonderes. Aber du bist nicht alleine. Du hast zwei Schwestern und einen Bruder, die dir helfen werden. Und ich darf euch lehren, bis ich nicht mehr bin. Wir alle sind bei dir. Rifoll hat deine Familie vergrößert. Wir beschützen dich, das Dorf beschützt dich. Rifoll schützt uns alle und du, du bringst unseren Dank.“


Aus dem Archiv des Tempels von Grinntal, aus „Manifest der südlichen Dämonen des Rückens von Raveri“ von Gleris Sanja

Im Süden von Grinne, im Fürstentum Jadan, direkt an der Grenze zu Ir’Ki’Ta konnte ich einen weiteren niederen Dämonenkult kennenlernen. Die Gemeinde von Riftal, benannt nach dem Dämon Rifoll, lebt unter dem Schutz eines Paktes, der laut den Schriften der Priesterschaft dort im Jahre 408 nach der Flut geschlossen wurde.

Rifoll erscheint den Menschen dort als brauner Fuchs und überträgt durch eine erwählte, sehende Person und durch in der Umgebung lebende Füchse seine Botschaften. Rifoll erwählt nur Kinder zu seinen Sprechern. Eines der Kinder wird eine Art Prisalis und unterrichtet die anderen Kinder bis der Lebenswille aufgebraucht ist und die Seele in Rifoll übergeht.

Laut den Aufzeichnungen, die ich einsehen durfte, werden fast nur Menschen und Vulpa von Rifoll auserwählt. Es wurden aber auch schon in wenigen Fällen Dreyvenkinder und Szarithan’en aus dem benachbarten Szarithan’enfeld erwählt. Ganl’en waren in dieser Gegend nie heimisch, und es ist in den Texten auch nichts von erwählten Ganl’enkindern zu finden. So wie ich die Texte und die Lebensweise des Ortes aber kennenlernen durfte, gehe ich davon aus, dass ein jedes Kind auserwählt werden kann, solange die Kinder im Namen Rifolls gesegnet werden und in der direkten Region geboren wurden.

Die auserwählten Kinder werden die Kinder Rifolls genannt, und auch sonst konnte ich feststellen, dass Kinder eine besondere Rolle im Kult des Rifoll einnehmen. Der Schutz der Kinder ist das höchste Gut in Riftal. Nur die älteste Person unter den auserwählten Kindern kann Rifolls Gedanken spüren, auch wenn sie schon erwachsen ist. Ansonsten spüren nur Kinder die Anwesenheit des Dämon. Die Erwachsenen der Gemeinde müssen sich auf weltliche Zeichen wie die Füchse verlassen.

Der Pakt wird jährlich erneuert. Die auserwählten Kinder bringen den „Dank“ der Gemeinde in Form von kleinen materiellen Opfern und Dankestexten auf Jasupapier in einer heiligen Schale zum Tempel des Rifoll, der nur von Kindern betreten werden darf. Erwachsene, die diese Regel brechen, werden von Rifoll selbst bestraft. Allerdings lebt niemand mehr in der Gemeinde, der das schon einmal erlebt hat. Meine Neugierde war groß, und ich wollte zumindest erfahren, ob es ein Problem wäre als Erwachsener wenigstens in die Nähe des Tempels zu kommen. Und Rifolls Auge ist wachsam. Jeder, der auch nur ein wenig aufnahmefähig für Zeichen und Geister ist, wird spüren, dass er dort oben auf dem Hügel nicht erwünscht ist. Es war mir ein Leichtes, meine Neugierde zu überwinden und umzukehren.

Für die Seelen der Verstorbenen und den „Dank“ der Gemeinde segnet der Dämon den Fluss, der unter dem Tempel entspringt. Das Wasser hat heilende Kräfte. Anwohner, die in Rifoll leben, dem Dämon ihre Seele versprechen und ihm danken werden nicht krank und körperliche Verletzungen heilen schneller. Selbst der Spiratwahnsinn scheint durch das Wasser schneller zu vergehen. Allerdings verlässt einen der Segen, wenn man die Region verlässt. Und Außenstehende können sich zwar am Wasser erfrischen, erleben aber nicht die heilende Wirkung.

Es gibt sehr viele, sehr alte Menschen hier, die ausgesprochen lebendig sind. Bis ins hohe Alter sind sie bei den schwersten Arbeiten voller Tatendrang und Kraft dabei. Kindstod ist in dieser Gemeinde so gut wie unbekannt.

Der Ort kann sich wirklich glücklich schätzen, und Rifoll ist ein Dämon, der alle Bedingungen der Glerigalis erfüllt, um respektiert und geduldet zu werden.

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