Goblins jagen mit den eigenen Kindern

Meine Frau und ich haben vor einigen Tagen ein Experiment gewagt: Wir haben angefangen, D&D mit unseren Kindern zu spielen. Und es ist eine spannende Erfahrung und ich möchte darüber berichten, denn ich kann mir vorstellen, dass das auch was für andere Eltern ist, besonders die, die gerne mal Rollenspiele spielen.

Was ist D&D, was spielt ihr da genau?

D&D ist eines der bekanntesten Pen&Paper Rollenspiele der Welt. Dungeons&Dragons ausgeschrieben hat es den Weg für viele andere Rollenspiele geebnet. Es gib inzwischen mehrere Auflagen dieses Rollenspiels, das für viele Rollenspieler die „Einstiegsdroge“ in das Hobby war und auch immer noch ist. Viele Computerspiele basieren auf diesem System oder orientieren sich daran.

Nun gibt es von diesem Rollenspiel, das schon immer viel mit Karten und Figuren gearbeitet hat, auch reine Brettspielvarianten, sogenannte Dungeoncrawler. Davon gibt es auch unzählige Versionen in den verschiedensten Settings. Einige von euch kennen vielleicht Descent, oder den Klassiker Heroquest. Alle basieren auf demselben Prinzip, sind aber sehr unterschiedlich im Schwierigkeitsgrad und im Regelaufgebot. Heroquest ist so einsteigerfreundlich wie nur irgend möglich, Descent dagegen kann schon mal einige Zeit verschlingen schon allein um nur mal eine Sonderregel nachzulesen.

Die D&D Version, die ich besitze (samt der beiden Erweiterungen), ist nur noch gebraucht kaufbar, und kostet teilweise 200€ (o_O). Wir hatten sie damals für meinen kleineren Bruder gekauft. Ähnlich ist es bei Heroquest, das auch zu einem Sammlerobjekt geworden ist. Die aktuelle Neuauflage von D&D kostet um die 50€, aber man bekommt auch einiges für sein Geld. Alle Gegner und Helden sind gegossene Figuren. Spielfelder, kleine, zusammensteckbare Hindernisse und Spielkarten, die alles beschreiben was man braucht. Dazu spezielle Würfel für die Angriffe, Zauber und besonderen Fähigkeiten. Dabei sind dann noch ein Spielleitungsbuch, in dem ein knappes Dutzend Abenteuer stecken, die eine Kampagne erzählen.

Wie kamt ihr auf die Idee, es mit euren Kindern zu spielen?

Unsere Kinder spielen recht gerne Brettspiele, allerdings muss ich sagen, dass ich die meisten Brettspiele für Kinder ziemlich schrecklich finde. Oft hängt der Spielablauf vom reinen Zufall ab und man würfelt sich um den Verstand, nur um am Ende doch vom Glück abhängig zu sein. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das auch, aber es führt immer wieder zu Wut oder Enttäuschung bei meinen Kindern, da man es meistens absolut nicht unter Kontrolle hat, ob man gewinnt oder verliert. Zudem haben unsere Kinder aktuell eine enorme Wettstreitphase. Alles, ABER AUCH WIRKLICH ALLES ist ein Wettstreit und man muss sich vergleichen. Es hat sehr anstrengende Züge angenommen.

Gleichzeitig haben die Jungs mit immer größerem Interesse den Fantasyspielen zugesehen, die wir an PC und Konsole spielen – zumindest denen, die wir unbesorgt vor den Augen von Nicht-Mal-Sechs-Jährigen spielen können.

Ein Spiel wie D&D – in der Version wie ich sie besitze – hat für uns mehrere Vorteile:

1. Das Spiel wird gemeinsam gespielt. Es gibt kein Gegeneinander.

2. JEDER Charakter ist wichtig. Man kann das Spiel nicht ohne einen der vier Charaktere spielen (was bei uns dazu führt, dass ich zwei der Spielercharaktere übernehme). Alle sind wichtig, denn jeder kann etwas anderes, das wichtig für’s Überleben ist. Man lernt, das Können anderer zu schätzen und erkennt, dass man nicht ÜBERALL der oder die Beste sein muss.

3. Man muss teilen lernen, denn man findet oft Objekte, die für einen selbst gar nicht praktisch sind, aber einen anderen in der Gruppe aufwerten und damit die ganze Gruppe stärken.

4. Man lernt, mit Verlust umzugehen. Helden werden verletzt, niedergeschlagen oder ihre Zauberkraft geht zur Neige.

5. UND DAS IST DAS WICHTIGSTE: Man kann herrlich viel Quatsch machen. Meine Frau übernimmt die Spielleitung und sie mimt die Stimmen der Goblins nach. Die keifen und jammern, wenn sie besiegt werden. Die Menschen, die wir retten müssen, rufen den Helden etwas zu und alle am Tisch fangen an zu flüstern, wenn sie beschreibt, dass hinter der nächsten Tür eine tiefe Stimme fragt: „Hey, ich hab was gehört… IST DA WER?“ (Die großen Augen der Kinder sind alleine schon das Spiel wert.)

Es ist ein sehr rudimentäres Rollenspiel, aber es macht Spaß. Mehr wollen und sollten wir von unseren Kindern auch nicht verlangen.

Welche Fehler habt ihr gemacht, und welche Probleme gab es? (Und was ist dafür wieder super?)

Erst einmal die Hürden eines solchen Spiel:

1. Lesen: Unsere Kinder sind noch nicht in der Schule. Sie können zwar schon erste Worte in Großbuchstaben gut lesen, aber die ganzen kleinen Texte auf den Karten sind natürlich noch viel zu viel für sie. Wir lesen also die Karten immer vor und erklären sie. Das Gute: Das Spiel arbeitet mit vielen Symbolen, die man sich als Kind viel leichter merken kann und die auch Sinn ergeben. Die Schadenswürfel haben kleine Schwerter als Treffersymbol und die Kinder können selber zählen, was sie für einen Schaden würfeln. Der Sonderwürfel zeigt in Sternchen, wenn was besonderes passiert. Ein gedrehter Pfeil zeigt ihnen, dass sie nochmal würfeln dürfen.

2. Taktisches Denken: Es ist natürlich viel zu viel verlangt, von einem Fünfjährigen zu erwarten, dass er die Taktik sofort durchschaut und die Vorteile erkennt, wenn er seine Figur auf das eine und nicht auf das andere Feld stellt. Auch da gehen wir viel zur Hand, aber nicht permanent. Die Kinder entscheiden schon selbst. Auch wenn es dadurch hier und da zu Problemen für die kleinen Heldenfiguren kommt. Sie sollen ja auch sehen, was für Auswirkungen es hat, wenn der Krieger der Truppe vorstürmt… an allen Monstern vorbei… zur Schatztruhe, um diese zu öffnen, während die „weicheren“ Charaktere hinten um Hilfe rufen und von Goblins verprügelt werden.

3. Emotionen: Kinder gehen noch anders mit Emotionen und Eindrücken um als Erwachsene. Das ist jedem klar. Das muss man bei solch einem Spiel auch beachten. Am Anfang dachten die Jungs, meine Frau wollte sie ärgern und deswegen würden sie so gemeine Karten ziehen oder ihnen Schaden machen. Es hat eine Runde gebraucht, damit dieser Vorwurf aus der Luft war.

Oder als ein Charakter auf eine Falle getreten ist, machte meine Frau ein „Zing“ Geräusch. Unser Sohn war so aufgeregt und angespannt, weil er wusste, dass irgendwo eine Falle sein könnte, dass das Geräusch ihn so sehr erschreckt hat, dass er in Tränen ausgebrochen ist. Das war nach wenigen Sekunden wieder vorbei, aber so ein kleines Brettspiel kann schon nervenaufreibend sein 😉

4. Die Zeit: Die kleineren Abenteuer dauern eine knappe Stunde. Das geht sehr gut mit den Kindern. Doch je weiter man im Kampagnenbuch vorankommt, desto komplexer werden die Dungeons und desto länger werden die Runden natürlich auch. Bei der ersten „längeren“ Runde haben wir überhaupt nicht auf die Uhr gesehen und erst am Ende gemerkt, dass wir über 2 Stunden ohne Pause dransaßen. Da waren unsere Kinder bereits über ihrem Limit der „Ich-Darf-Nicht-Zappeln“-Grenze. Kinder in dem Alter sind nicht dafür gemacht, 2 Stunden am Stück ruhig auf einem Stuhl zu sitzen. Beachtet das. Wir machen jetzt immer Pause, und splitten die Abenteuer auf, so dass eine Runde nicht länger als eine Stunde dauert. Das hilft gewaltig, erhält den Spaß und die Kinder bekommen genug Bewegung, um nicht kirre zu werden.

Und, wie läufts?

Ich finde es super. Die letzte Runde war schon viel besser als die erste. Es wird weniger gemeckert. Es wird geteilt. Es wird sich geholfen. Schadenspunkte sind kein Drama mehr. Fallen sind kein Schreckmoment und die Dungeonkarte wird nicht mehr so oft verschoben. Klar, einiges der Regeln muss für Kinder angepasst werden, so dass es für alle Spaß macht. Aber das zählt sich aus: unsere Kinder fragen, seit wir damit angefangen haben, immer ganz aufgeregt ob wir heute endlich wieder „Duanschönsänddägouns“ spielen – also scheinen wir das meiste richtig zu machen. Und ich kann als Magierin und Diebin meinen beiden Jungs, dem Krieger und Kleriker, den Erzählungen meiner SL*-Frau zuhören und Abenteuer erleben. Was will man mehr?

*SL = Für alle die keine Rollenspielerfahrung haben. SL steht für Spielleitung. Wird auch gerne „Meister“ oder „DM“ für „Dungeonmaster“ genannt.

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